Geteilte Tage
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26/05/2026
Der Mafiaboss kam früher nach Hause, und das Hausmädchen flüsterte ihm zu: „Seien Sie still.“ Der Grund wird dir das Blut in den Adern gefrieren lassen.
TEIL 1
Sie nannten ihn den Schlächter von Chicago.
Lorenzo Moretti war ein gnadenloser Mann. Unerbittlich. Einer, der niemals vergaß.
Er war der Capo dei Capi, ein Geist, der von einer Festung am Lakeshore Drive aus herrschte.
Sein Name wurde in den dunklen Ecken von Little Italy nur im Flüsterton ausgesprochen — mit nackter Angst in der Stimme.
Doch in jener Nacht, als Lorenzo drei Stunden früher nach Hause kam, war die Pistole in seinem Holster völlig nutzlos.
Denn es war kein Killer eines rivalisierenden Syndikats, der in den Schatten seines eigenen Hauses auf ihn wartete.
Es war die einzige Person, der er nie auch nur einen zweiten Blick geschenkt hatte.
Der Regen in Chicago wusch in dieser Nacht nichts rein.
Er machte den Schmutz nur noch glitschiger.
Lorenzo beobachtete, wie die schweren Scheibenwischer seines gepanzerten Rolls-Royce Phantom den Wolkenbruch zerschnitten.
Es war zwei Uhr morgens.
Eigentlich hätte er nicht über den nassen Asphalt von Illinois fahren dürfen.
Eigentlich hätte er in einem privaten Hangar in New York sein sollen, um mit den fünf Familien einen Waffenstillstand auszuhandeln.
Doch der uralte Instinkt, der ihn vierunddreißig Jahre lang am Leben gehalten hatte, schrie ihm zu, zu verschwinden.
Irgendetwas an diesem Treffen war falsch gewesen.
Die Luft im Hangar war zu angespannt, die Händedrucke der Bosse aus dem Osten zu kalt.
Also verschwand er spurlos.
Er nahm einen privaten Charterflug zurück nach Illinois, ohne irgendjemandem ein Wort zu sagen.
Nicht einmal Bruno, seinem eigenen Sicherheitschef.
„Nicht durch den Haupteingang, Kale“, befahl Lorenzo seinem Chauffeur, einem stummen Riesen.
„Lass mich am Dienstboteneingang an der Nordseite raus. Mach die Lichter aus.“
Kale nickte einmal, während seine Augen über die Spiegel glitten.
Der riesige schwarze Luxuswagen rollte lautlos über den nassen Asphalt der langen Einfahrt.
Die Moretti-Villa erhob sich aus der Dunkelheit wie ein schlafendes Tier.
Eine monolithische Festung aus Kalkstein und düsterer gotischer Architektur, scharf umrissen vor dem stürmischen Himmel.
Enzo war körperlich und geistig am Ende.
Seine linke Schulter pochte dort, wo ihn vor sechs Monaten die Kugel eines Auftragskillers bis auf den Knochen gestreift hatte.
Eine ständige, brutale Erinnerung an den Preis der Krone, die er trug.
Er wollte nur ein Glas Whiskey pur, eine heiße Dusche und sich neben seine Frau Camila ins Bett legen.
Camila war die elegante Tochter eines einflussreichen US-Senators.
Die Frau, deren politischer Stammbaum seinen blutbefleckten Namen endlich salonfähig gemacht hatte.
Er stieg aus dem Wagen, und der eisige Regen durchtränkte sofort seinen maßgeschneiderten Kaschmirmantel.
Mit einer kurzen Handbewegung bedeutete er Kale, zu wenden und zu warten.
Lorenzo ging zum Dienstboteneingang an der Nordwand und tippte den Code ein.
Sein Geburtsjahr. Einfach. Arrogant.
Die Tür sprang mit einem leisen Klicken auf.
Die Küche der Villa lag vollständig im Dunkeln, nur vom bläulichen Schimmer des Sub-Zero-Kühlschranks erhellt.
Grelle Blitze warfen scharfe Schatten durch die riesigen Fenster.
Normalerweise war das gewaltige Haus um diese Uhrzeit still.
Doch in dieser Nacht lag eine Schwere in der Stille.
Sie fühlte sich gespannt an — wie die Luft in einer Kammer, Sekunden vor der Explosion.
Lorenzos rechte Hand glitt instinktiv zum strukturierten Griff seiner Beretta.
Lautlos bewegte er sich über den dunklen Marmorboden, seine italienischen Ledersohlen machten nicht das geringste Geräusch.
Er war ein Spitzenraubtier in seinem eigenen Revier.
Er streckte die Hand nach dem Messinggriff der schweren Eichentür aus, die in den Hauptflur führte.
Doch bevor seine Finger das Metall auch nur berühren konnten, löste sich ein dunkler Schatten aus der Speisekammer.
Lorenzo zog seine Waffe mit einer mechanischen, blitzschnellen Bewegung.
Die Mündung des Schalldämpfers zielte direkt auf die Stirn der Gestalt, noch bevor der Schatten überhaupt Luft holen konnte.
„Beweg dich auch nur einen Millimeter, und du bist tot“, knurrte er, seine tiefe Baritonstimme vom plötzlichen Donnerschlag verschluckt.
Die Gestalt zuckte nicht zusammen. Sie schrie nicht. Bettelte nicht um Gnade.
Langsam trat sie in den schwachen blauen Mondlichtstreifen, der durch das Fenster fiel.
Es war Sophie.
Sophie Clark, das stille Hausmädchen.
Das zierliche, unscheinbare Mädchen mit den großen haselnussbraunen Augen, das tagsüber schweigend seine Baumwollhemden faltete.
Seit genau zwei Jahren arbeitete sie in seinem Haus.
In all dieser Zeit war Lorenzo sich nicht einmal sicher, ob er sie je mehr als zehn Worte hatte sagen hören.
Ja, Sir. Nein, Sir. Sofort, Sir.
Aber in dieser Nacht blickte sie nicht unterwürfig zu Boden.
Sie starrte direkt in den dunklen Lauf seiner Automatik, ihre Brust hob und senkte sich heftig.
Sie trug keine Dienstmädchenuniform.
Sie hatte ein viel zu großes graues T-Shirt an, dünne Shorts, und stand barfuß auf dem kalten Steinboden.
„Mr. Moretti“, flüsterte sie. Ihre Stimme zitterte, doch ihre haselnussbraunen Augen brannten mit einer erschütternden Intensität.
„Warum bist du wach, Sophie?“, fragte Lorenzo und senkte die Waffe um einen Zentimeter.
„Und warum versteckst du dich im Dunkeln?“
Sie beantwortete seine Frage nicht.
Stattdessen tat sie etwas, das jede Regel dieses Haushalts brach.
Mit einem einzigen Schritt verringerte sie den Abstand zwischen ihnen und griff mit ihrer kleinen Hand nach seinem nassen Mantel.
„Sie müssen gehen“, flüsterte sie, ihre Stimme vom Entsetzen zerrissen. „Sofort.“
Lorenzo runzelte die Stirn. Seine Geduld war augenblicklich aufgebraucht.
„Das ist mein Haus. Tritt zurück, Sophie. Du überschreitest eine Grenze.“
„Bitte!“, zischte sie und klammerte sich noch fester an seinen Mantel, bis ihre Knöchel weiß hervortraten.
„Sie hätten nicht hier sein dürfen. Auf der Passagierliste stand, dass Sie bis Dienstag in New York sind.“
„Pläne ändern sich“, sagte Lorenzo und riss ihre Hand mit seiner linken gewaltsam weg.
„Wer ist in meinem Haus, Sophie? Eindringlinge?“
„Schlimmer“, flüsterte sie, während ihr endlich eine heiße Träne über die Wange lief.
Lorenzo stieß ein leises, verächtliches Schnauben aus, während seine Hand wieder zum Griff der Flurtür glitt.
„Es gibt absolut nichts Schlimmeres als einen Eindringling in einem verbotenen Haus, Sophie.“
Das Mädchen wich nicht zurück.
Sie warf sich mit ihrem ganzen Körper vor ihn, ihr Rücken schlug dumpf gegen die Eichentür.
Tränen strömten nun frei aus ihren haselnussbraunen Augen, die sich scharf von ihrer blassen Haut abhoben und eine tiefe Verzweiflung verrieten.
„Enzo, hör auf!“, flüsterte sie, ihre Stimme brach unter einer heftigen, schmerzhaften Emotion.
„Wenn du jetzt da rausgehst, bist du ein toter Mann.“
Lorenzo erstarrte, die Hand fest um den Messinggriff geschlossen.
Sie hatte gerade seinen Vornamen benutzt.
Kein Dienstbote im Haus Moretti hatte es je gewagt, seinen Vornamen auszusprechen.
Er streckte seine große Hand aus, packte ihr Kinn und zwang sie, den Kopf zu heben.
So nah bei ihr, in der dunklen Küche, konnte er ihren Geruch wahrnehmen: Vanille und pure Angst.
„Wovon genau redest du?“, knurrte er ihr ins Gesicht.
Sie hob einen zitternden Finger und presste ihn gegen seine aufgesprungenen Lippen.
„Still“, flüsterte sie. Der Befehl hing in der Dunkelheit wie eine Guillotine kurz vor dem Fall.
„Hör einfach zu.“
Langsam und äußerst vorsichtig griff sie hinter sich und öffnete die schwere Eichentür nur einen Zentimeter.
Das Geräusch aus dem großen Salon drang durch den schmalen Spalt in die dunkle Küche.
Die Architektur der Villa war so entworfen worden, dass die Akustik bei großen Festen perfekt war.
Doch in dieser Nacht trug sie ein privates Gespräch weiter, das Lorenzo Moretti härter traf als jede Kugel.
„Der Champagner ist perfekt gekühlt, Liebling“, hörte man die Stimme seiner Frau durch den Spalt.
Camilas Ton klang weder schläfrig noch müde. Er war fröhlich, aufgeregt, voller Leben.
„Lass uns anstoßen.“
„Auf die schöne Witwe Moretti“, antwortete eine tiefe, raue Stimme vom Hauptsofa.
Lorenzo spürte, wie ihm augenblicklich das Blut gefror und seine Sicht verschwamm.
Diese Stimme kannte er besser als seine eigene.
Sie gehörte Santino „Der Bulle“ Russo — seinem Unterboss und besten Freund seit Kindertagen.
„Auf uns“, lachte Camila hell und melodisch.
Das klare Klirren der Kristallgläser hallte vollkommen sauber durch den Kalksteinflur.
„Wann wird die Nachricht bekannt?“, fragte sie.
„Das Flugzeug ist vor genau zwanzig Minuten über dem Atlantik abgestürzt“, sagte Santino.
Das Geräusch eines abgeschnittenen Zigarrenendes unterbrach seinen Satz.
„Kompletter mechanischer Ausfall. Tragisch.“
„Aus diesen tiefen Gewässern werden sie die Leichen wahrscheinlich nie bergen.“
Lorenzo stand regungslos in der dunklen Küche. Der Regen auf seiner Haut fühlte sich plötzlich wie Eis an.
Sie hatten nicht nur einen geschäftlichen Putsch gegen seinen Platz im Vorstand geplant.
Sie hatten sein Privatflugzeug manipuliert.
Hätte sein Instinkt ihn nicht gezwungen, diesen zweiten Flug zu chartern, läge er jetzt tot im Ozean.
Er senkte den Blick zu dem Mädchen vor sich.
Sophie weinte nicht mehr. Sie beobachtete sein Gesicht und wartete darauf, dass er den Verrat begriff.
Sie hatte ihm das Leben gerettet.
Aber warum?
Die brutale Wahrheit traf Lorenzo mit der Wucht eines Faustschlags und ließ ihn einen Schritt zurücktaumeln.
Er blickte auf die Beretta in seiner Hand.
Sie fühlte sich schwer an. Plump.
Er hatte genug Kugeln im Magazin, um sie beide in diesem Augenblick zu töten.
Er sollte sie beide töten.
Er sollte durch die Türen stürmen, Santino zweimal in die Brust schießen und Camila eine Kugel in ihr verräterisches Herz jagen.
Er machte einen aggressiven Schritt nach vorn. Reine, blendende Wut löschte seine taktische Disziplin aus.
Sofort schloss sich Sophies Hand um sein rechtes Handgelenk — überraschend fest, spürbar, unerschütterlich.
„Nein, Lorenzo“, flüsterte sie ihm ins Ohr, ihr warmer Atem an seinem Hals.
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